EIN FENSTER ZUM OSTEN
«Aib» und «haram»: Worin liegt der Unterschied?
Gesellschaftliche Erwartungen und religiöse Verbote auseinanderhalten.
Alaaeldin Elgharbawy
عَيْب · حَرَام
Manche Wörter brauchen besondere Aufmerksamkeit, weil wir die Begründung eines Sprechers anders verstehen können, wenn wir sie verwechseln. Wenn jemand eine Handlung «haram» nennt und ein anderer «aib», können die Wörter ähnlich wirken, weil beide Ablehnung ausdrücken. Doch das erste wird für ein religiöses Urteil verwendet. Das zweite kann bezeichnen, was die Menschen missbilligen oder als Verstoss gegen Anstand und Brauch ansehen. Beide Beschreibungen können auf dieselbe Handlung zutreffen, sie können aber auch auseinandergehen.
Stell dir vor, jemand lehnt bei einem Besuch das Essen ab, und einer der Anwesenden sagt: «Das ist aib, weise ihre Gastfreundschaft nicht zurück.» Vielleicht meint er, dass die Ablehnung in dieser Runde als Unfreundlichkeit verstanden wird. Damit meint er nicht unbedingt eine religiöse Vorschrift, die dem Gast verbietet, das Essen abzulehnen. Wenn jemand eine Handlung als «haram» bezeichnet, führt er das Verbot auf die Religion zurück. Doch eine weitere Frage bleibt: Ist diese Zuordnung richtig? Zu verstehen, was der Sprecher meint, hilft uns zu erkennen, worüber wir sprechen müssen: über eine gesellschaftliche Erwartung, eine religiöse Vorschrift, die er wiedergibt, oder etwas, bei dem sich beides vermischt hat?
Wir können fragen: Meinst du, dass die Religion das verbietet oder dass die Menschen um dich herum es nicht akzeptieren? Die Frage hilft dir, die Grundlage zu verstehen, auf die sich jemand bezieht. Manchmal hilft sie auch ihm selbst, einen Gedanken zu klären, den er bisher mit einem einzigen Wort ausgedrückt hat.
Wenn du den Osten verstehen willst, hilft dir diese Unterscheidung bei dem, was du über Kleidung, Familie, Arbeit und Beziehungen hörst. Vielleicht wird etwas der Religion zugeschrieben, das aus einer Gewohnheit stammt. Vielleicht wird eine religiöse Überzeugung als blosse Gewohnheit behandelt, die ihrem Träger nichts bedeutet. Gibst du dem Sprecher die Möglichkeit zu erklären, was er meint, kannst du seine Aussage genauer mit ihm besprechen.
Für das Sprachenlernen ist diese Unterscheidung besonders nützlich: Du lernst nicht nur, dass jemand etwas ablehnt. Du hörst auch genauer, worauf er seine Ablehnung stützt. Eine ruhige Nachfrage kann das Gespräch verständlicher machen, ohne den anderen vorschnell festzulegen.
Bearbeitet nach dem Buch des Autors «Wenn du den Osten verstehen willst», Kapitel 12.
