EIN FENSTER ZUM OSTEN
Ein Teller Essen als Anfang einer Begegnung
Warum Teilen manchmal vor einer engen Bekanntschaft beginnt.
Alaaeldin Elgharbawy
جَار · ضِيَافَة
Wenn ich etwas Besonderes kaufte oder ein Gericht kochte, das ich gern mochte, brachte ich meinen Nachbarn oder Arbeitskollegen etwas davon mit. Mir gefiel etwas, und ich wollte, dass sie es auch probierten. Dafür mussten wir uns nicht schon lange kennen oder besonders nahestehen.
Ich sprach mit einem Freund über diese Gewohnheit. Auch er gab anderen gern Essen. Doch er kannte die Person am liebsten schon gut und wusste, was ihr schmeckte und was sie gern ass. Einem Nachbarn oder Kollegen, zu dem noch keine engere Beziehung bestand, Essen mitzubringen, war für ihn ungewohnt.
Ich erklärte ihm, dass ich in dem Teller eine Möglichkeit sah, aufeinander zuzugehen und sich kennenzulernen. Er wartete, bis die Beziehung enger wurde, um Essen zu geben. Ich gab es, damit eine Beziehung entstand oder enger wurde. Wir beide teilten gern, begannen aber an verschiedenen Stellen.
Dann probierte mein Freund es tatsächlich aus. Er brachte anderen Essen mit und erlebte nun selbst, worüber wir gesprochen hatten: die Freude, etwas, das er mochte, mit anderen zu teilen.
Darin erkenne ich auch die Erziehung in dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Wenn wir für einen Nachbarn etwas mehr kochen, hat er schon in unseren häuslichen Plänen einen Platz. Mit dem Essen erreicht ihn eine einfache Botschaft: Wir haben an dich gedacht.
Für einen gläubigen Menschen kann diese Aufmerksamkeit mit der Hoffnung auf Gottes Wohlgefallen verbunden sein. Die Liebe zu Menschen und die Verantwortung vor Gott können in derselben kleinen Handlung zusammenkommen.
Vielleicht bringst du etwas Süsses zu einem freudigen Anlass, kochst für jemanden nach einem anstrengenden Tag oder lädst im Ramadan zum Fastenbrechen ein. Was passend ist, hängt von den Menschen und ihrer Situation ab.
Aufmerksamkeit gilt auch dem Empfänger: Frage nach Vorlieben, erkläre bei Bedarf die Zutaten und lass die Freiheit, das Angebot anzunehmen oder abzulehnen. Eine Gabe muss nicht sofort mit einer gleichwertigen Gegengabe beantwortet werden. Eine Beziehung darf in einem Rhythmus wachsen, der für beide angenehm ist.
Bearbeitet nach dem Buch des Autors «Wenn du den Osten verstehen willst», Kapitel 13.
