EIN FENSTER ZUM OSTEN
Warum «al-hamdu li-llāh», auch wenn es schwer ist?
Dank an Gott kann Freude und Schmerz begleiten. Wie hörst du, was dein Gegenüber damit meint?
Alaaeldin Elgharbawy
الْحَمْدُ لِلَّهِ
Du fragst einen arabischen Freund: Wie geht es dir? Er antwortet: «al-hamdu li-llāh, gut» – «Gott sei Dank, gut.» Manche finden schon diese Antwort ungewöhnlich: Was hat der Dank an Gott mit der Frage nach dem Befinden zu tun? Einige meiner Arabischlernenden haben mich nach diesem Zusammenhang gefragt. Die Frage wird noch dringlicher, wenn dein Freund ein anderes Mal nur mit «al-hamdu li-llāh» antwortet oder damit beginnt und dir dann von einer Krankheit erzählt, die ihn erschöpft, oder von einem Problem, das ihn beschäftigt. Bedeutet der Ausdruck, dass es ihm gut geht? Und wie kann er damit beginnen und mir anschliessend erzählen, was ihm wehtut?
In der ersten Antwort begleitet der Dank eine gute Nachricht. In der zweiten ist er vielleicht eine vertraute Antwort, die dem Sprecher genügt. Wenn danach von Beschwerden die Rede ist, kann er damit seine Haltung zu dem ausdrücken, was er durchlebt: Er leidet, hofft, dass sich seine Lage verändert, und findet trotzdem etwas, wofür er Gott danken kann.
Ein Gläubiger kann Gott für die Gaben danken, die ihm geblieben sind, und zugleich sein Leiden beschreiben und um Hilfe bitten. Dank und Schmerz kommen in seiner Erfahrung zusammen, während er auf eine Veränderung hofft.
Der Ausdruck kann einem auch aus Gewohnheit über die Lippen kommen, ohne dass man jedes Mal über diese Bedeutungen nachdenkt. Um seine Antwort zu verstehen, achte deshalb darauf, wie er spricht und was er danach erzählt. Auch das, was du über ihn weisst, hilft dir dabei.
Vielleicht kennst du auch im Deutschen Ausdrücke religiösen Ursprungs, die Menschen mit unterschiedlicher Bewusstheit verwenden. Beim arabischen Ausdruck lohnt es sich ebenso, dem einzelnen Menschen zuzuhören.
«Al-hamdu li-llāh» allein ist kein vollständiger Bericht über das Befinden. Ein erleichtertes «Es hat geklappt, al-hamdu li-llāh!» klingt anders als ein leises «Al-hamdu li-llāh, wir versuchen zurechtzukommen». Der weitere Satz und eure Beziehung helfen dir, die Antwort zu verstehen.
Wenn jemand von einer Schwierigkeit erzählt, kannst du nachfragen: «Wie geht es dir damit gerade?» oder «Kann ich etwas tun?» Dankbarkeit schliesst die Bitte um Hilfe nicht aus. Gib deinem Gegenüber Zeit, von seinem Leben zu erzählen.
Bearbeitet nach dem Buch des Autors «Wenn du den Osten verstehen willst», Kapitel 12.
